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Gedenkrede zum 115. Geburtstag von Arvid Harnack

Heute am 24. Mai 2016 würden wir den 115. Geburtstag des Juristen und Nationalökonomen Arvid Harnack feiern, hätten ihn nicht die Nationalsozialisten im Alter von 41 Jahren ermordet. Ermordet, weil er und andere Hilfen für Verfolgte boten, Flugschriften verbreiteten, Informationen über die deutschen Kriegsvorbereitungen sammelten und auch an Auslandsvertreter weitergaben, zur Gehorsamsverweigerung gegenüber dem NS-Regime aufriefen und in der offenen Diskussion ein mögliche Nachkriegsordnung entwarfen.

Liebe Antifaschistinnen und Antifaschisten, Liebe Freundinnen und Freunde,

Heute am 24. Mai 2016 würden wir den 115. Geburtstag des Juristen und Nationalökonomen Arvid Harnack feiern, hätten ihn nicht die Nationalsozialisten im Alter von 41 Jahren ermordet. Ermordet, weil er und andere Hilfen für Verfolgte boten, Flugschriften verbreiteten, Informationen über die deutschen Kriegsvorbereitungen sammelten und auch an Auslandsvertreter weitergaben, zur Gehorsamsverweigerung gegenüber dem NS-Regime aufriefen und in der offenen Diskussion ein mögliche Nachkriegsordnung entwarfen.

In ihrem Flugblatt „Die Sorge um Deutschlands Zukunft geht durch das Volk“ klagten sie das Regime mutig an: „Das Gewissen aller wahren Patrioten aber bäumt sich auf gegen die ganze derzeitige Form deutscher Machtausübung in Europa. Alle, die sich den Sinn für echte Werte bewahrten, sehen schaudernd, wie der deutsche Name im Zeichen des Hakenkreuzes immer mehr in Verruf gerät. In allen Ländern werden heute täglich Hunderte, oft Tausende von Menschen standrechtlich und willkürlich erschossen oder gehenkt, Menschen, denen man nichts anderes vorzuwerfen hat, als daß sie ihrem Land die Treue halten… Im Namen des Reiches werden die scheußlichsten Quälereien und Grausamkeiten an Zivilpersonen und Gefangenen begangen. Noch nie in der Geschichte ist ein Mann so gehaßt worden wie Adolf Hitler. Der Haß der gequälten Menschheit belastet das ganze deutsche Volk.“

Stolperstein für Arvid Harnack in der Genthiner Straße 14, CC BY-SA 3.0.

Stärke ihres Widerstands war dabei, so der Historiker Heinrich Scheel, das stabile Hinterland. Eine Gruppe von ca. 100 Frauen und Männern unterschiedlicher Herkunft und politischer Gesinnung, deren gemeinsame Ablehnung der NS-Herrschaft ihre Differenzen überbrückte. So schafften sie im Widerstand jene antifaschistische Kampffront, deren Nichtzustandekommen in der Weimarer Republik den Aufstieg Hitlers zum Reichskanzler und Führer erst ermöglichte.

Das NS-Regime wusste nicht, wie es diesem Widerstand aus der Mitte der deutschen Gesellschaft, von Kommunisten und Sozialisten, wie auch engagierten Christen und Nationalliberalen, von einfachen Arbeitern und Angestellten bis hin zu ehemaligen Ministern, Oberregierungsräten und Offizieren begegnen sollte. Sie fügte sich nicht in die üblichen Kategorien und war daher umso bedrohlicher für das Regime. Die Nazis versuchten daher die Gruppe nach ihrer Verhaftung als Spione und Landesverräter darzustellen. Der wirkmächtige Mythos von der „roten Kapelle“ nahm seinen Anfang.

„Rot“ für die unterstellte ideologische Nähe zu Sowjetrussland, „Kapelle“ als Bezeichnung für eine Vielzahl von sogenannten „Pianisten“, also Morsefunkern, die dem Feind Informationen zukommen ließen. Eine Legende, die sich nach 1945 nur allzu gut in das Muster des beginnenden kalten Krieges fügte und und eine Würdigung der Aktivitäten der Gruppe auf Jahrzehnte verstellte.

Heute ist der Widerstand der Harnacks, Schulze-Boysens, Coppis und vieler anderer von den Historikern rehabilitiert und findet in den Augen der breiteren Öffentlichkeit Anerkennung. Wir stehen am Denkmal zu Ehren von Arvid und Mildred Harnack, vor uns befindet sich die Skulptur zu Ehren der sogenannten „roten Kapelle“, im gesamten Wohngebiet Frankfurter Alle Süd, rings um uns herum, sind viele Straßen nach Antifaschistinnen und Antifaschisten dieser Widerstandsgruppe benannt:

die Schulze-Boysen-Straße, die Harnack-Straße, die John-Sieg-Straße, die Hans- und Hilde-Coppi-Straße, die Wilhelm Guddorf-Straße. Und nicht zuletzt heißt dieses Schule Mildred-Harnack-Schule.

Ihren Namen durchdringen unseren Alltag und bleiben uns so präsent, die Erinnerung an diese mutigen Frauen und Männer wird wach gehalten.

Trotzdem ist es auch immer wieder an uns, an solchen Tagen innezuhalten und zu erinnern, aber auch die Entwicklungen der Gegenwart mit kritischem Augen zu betrachten. Nicht alles, was wir da, vor allem in den letzten beiden Jahren, in Deutschland und Europa erleben mussten, stärkt mich in meiner Hoffnung, das Zeiten, wo Menschen wie Arvid Harnack ermordet wurden, weil sie konsequent für Humanität und Mitmenschlichkeit stritten, für immer der Vergangenheit angehören. Wo immer wir als Nachgeborene dieses antifaschistische Erbe in Gefahr sehen, haben wir die Pflicht uns einzumischen, zu widersprechen und, wo nötig, zu widerstehen.

Clarita von Trott zu Solz, Frau des Widerstandskämpfers Adam von Trott zu Solz - der auch in loser Verbindung zur Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe stand - schrieb in ihrem Buch „Rückblick auf mein Leben mit Adam": „Ich ertappe mich auch immer wieder dabei, die Gesichter von Passanten zu betrachten mit der Frage: Was würdet ihr in einer neuen Diktatur mit mir machen.“

Ohne die Selbstgerechtigkeit der Nachgeborenen sollten wir uns diese Frage, in abgewandelter Form, selber stellen, und fragen, was würdet ihr, was würde ich in einer neuen Diktatur machen? Unser natürliches Schwanken in der Antwort, sollte unseren Respekt vor Menschen wie Arvid Harnack vertiefen.

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